Willkommen zu Hause.

Schön, nach Hause zu kommen. Wunderbar, mit meiner Familie vereint zu sein. Ein Geschenk, heute morgen wieder Gottesdienst zu feiern. Heute begann die Internationale Gebetswoche der Evangelischen Allianz mit dem Motto „Willkommen zu Hause“ – im Hintergrund die Geschichte vom Vater, der seinen „verlorenen Sohn“ wieder in die Arme schließt. Und von dem älteren Sohn, der zwar immer im Haus des Vaters, aber nie beim Vater zu Hause war.

Wenn ich dieser Spur folge, merke ich: Zu Hause ist nicht so sehr ein Punkt auf einer Landkarte oder ein gemauertes Gebäude. Natürlich spielen Orte eine Rolle, Klänge, Gerüche, Landschaften. Ich bekomme Heimatgefühle regelmäßig auf der A7 an der Hildesheimer Börde, wenn sich die Norddeutsche Tiefebene vor mir ausbreitet – das ist die Landschaft, in der ich aufgewachsen bin. Aber meine Heimat ist doch eher bei den Menschen, die ich liebe. Christian Morgenstern schreibt: „Nicht da ist man daheim, wo man seinen Wohnsitz hat, sondern wo man verstanden wird.“ Home is where your heart is.

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Jetzt merke ich: Ein Teil meines Herzens ist wohl auf dieser schönen Insel geblieben.

Wo Schönheit und Tragik immer wieder so nah beieinander waren. Wo ich mich einig wusste mit Menschen, denen ich sonst wohl nie begegnet wäre und von denen mich selbst dann wohl unsere Gegensätze getrennt hätten. Jetzt ist noch alles frisch, aber ich merke, dass wohl stimmt und vermutlich auch bleibt, was ich als Überschrift über diesen Blog gesetzt habe: Ich bin auch unterwegs zu Hause. Und auch zu Hause bin ich unterwegs.

„Zu Hause“ – was bedeutet das für die Geflüchteten, denen wir gedient haben? An einem Tag war ich mit zwei Freiwilligen im Souda Camp. Ellie verzauberte eine Gruppe von Kindern mit einem Röhrchen Seifenblasen. Es war herzerwärmend zu sehen, wie die kleinen, ernsten Gesichter wie auf Knopfdruck anfingen zu strahlen. Was für eine Gabe Kinder haben, alles um sich herum zu vergessen … Im nächsten Moment zerriss mir der Gedanke das Herz: Diese Kinder und ihre Familien sind noch lange nicht am Ziel. Diese Insel ist nur ein Zwischenstopp; eine lange und gefährliche Reise liegt noch vor ihnen, viele Orte, die kein Zuhause für sie sein werden: Idomeni – Presevo – Sid und wie die Orte noch heißen. Und selbst wenn sie es nach Österreich, Deutschland oder Schweden schaffen, wird es noch lange dauern, bis sie wirklich ankommen.

Dragana Kaurin, die als Kind mit ihrer Familie aus dem umkämpften Sarajevo fliehen konnte, schreibt in einem bewegenden Artikel:

The most important part of being a refugee is being a good loser; it’s the only way to survive this. You learn to lose your nationality, your home to strangers with bigger guns, your father to mental illness, one aunt to genocide, and another to nationalism and ignorance. You learn to lose your kids, friends, dreams, neighbors, loves, diplomas, careers, photo albums, home movies, schools, museums, histories, landmarks, limbs, teeth, eyesight, sense of safety, sanity, and your sense of belonging in the world.

(Wenn man ein Flüchtling ist, ist es das Wichtigste, ein guter Verlierer zu sein; das der einzige Weg, zu überleben. Du lernst, deine Nationalität zu verlieren, dein Zuhause an Fremde mit den größeren Waffen, deinen Vater an die Geisteskrankheit, eine Tante im Völkermord zu verlieren und eine andere an den Nationalismus und die Ignoranz. Du lernst, deine Kinder zu verlieren, Freunde, Träume, Nachbarn, Lieben, Abschlüsse, Laufbahnen, Fotoalben, Heimvideos, Schulen, Museen, Geschichte, Sehenswürdigkeiten, Glieder, Zähne, Augenlicht, das Gefühl der Sicherheit, den Verstand und dein Gefühl, irgendwo dazu zu gehören in der Welt.)

Ich habe oft gedacht: Ja, aus diesen entwurzelten, traumatisierten Kindern könnten eine neue Generation von Terroristen hervorgehen. Oder eine neue Generation von Ärzten, Künstlern, Erziehern, Firmengründern und Innovatoren (wie der Sohn eines syrischen Immigranten aus einer früheren Generation).

Woran wird sich entscheiden, was eintritt? Man könnte viele Faktoren nennen. Eine Frage, die sich mir stellt:

Geben wir diesen Kindern die Chance, bei uns ein zu Hause zu finden?

Dragana Kaurin schließt ihren Artikel mit einem hoffnungsvollen Ausblick:

Despite these dark recollections, it’s generally not war that refugees choose to remember, but the people who help you. My mother’s colleague who snuck us out of Serbia, French volunteers who took refugee kids camping, and those who came to welcome us at the airport when we were resettled in Ohio; those are the people I think of daily. I hope Basel  [ein im Artikel erwähnter syrischer Flüchtling] finds such people on his path too.

Trotz dieser dunklen Erinnerungen – im Allgemeinen wollen Flüchtlinge sich weniger an den Krieg erinnern als an die Menschen, die dir helfen. Die Kollegin meiner Mutter, die uns aus Serbien herausschmuggelte, französische Freiwillige, die mit Flüchtlingskindern zum Zelten fuhren, und die Menschen, die uns am Flughafen in Ohio so herzlich begrüßten – an diese Menschen denke ich jeden Tag. Ich hoffe, auch Basel findet solche Menschen auf seinem Weg.


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